care | Erhöht die Verwendung von Sonnencremes das Hautkrebsrisiko?

Vielleicht könnt Ihr das Thema inzwischen nicht mehr lesen. Es soll hier also schon wieder um Sonnenschutz gehen. Auch wenn ich ja selbst zugebe, dass dem Thema hier auf dem Blog durchaus viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, die Beobachtungen der letzten Wochen bringen mich zur Erkenntnis: es ist noch längst nicht genug gesagt. Denn da werden DIY Sonnencremes* als wirksame und unkomplizierte Alternativen zu konventionellen Produkten angepriesen. Auch liest man immer wieder, die physikalischen UV-Filter Titandioxid und Zinkoxid würden das UV-Licht ganz im Gegensatz zu synthetischen Filtern reflektieren (not true!). Das Thema der hormonellen Wirksamkeit eignet sich auch immer wieder aufs Neue für ein Bashing synthetischer Filter (stimmt das?! Lies‘ es hier!). Und nicht zuletzt verursacht auch die Aussage, dass Sonnenschutzprodukte Hautkrebs auslösen, ganz hohes Kopfschmerzpotenzial.

Um letzteres Statement soll es heute gehen. Gerne werden in diesem Zusammenhang Studien zitiert, die festgestellt haben, dass heutzutage viel mehr Sonnenschutz verwendet wird als früher noch. Gleichzeitig ist in Deutschland zwischen den Jahren 2009 und 2015 ein deutlicher Anstieg der Hautkrebsfälle zu verzeichnen [1]. Werden diese beiden Statements verknüpft, kann im ersten Moment leicht der Anschein entstehen, dass die vermehrte Verwendung von Sonnenschutz zu einem Anstieg der Hautkrebsfälle führt. Was hier aber passiert, ist eine Verwechslung von Korrelation und Kausalität! Denn nur weil hier zwei Beobachtungen gleichzeitig auftreten, heiß es nicht automatisch, dass ein Zusammenhang besteht. Beispiel hierfür ist folgendes bekanntes Beispiel:

Die menschliche Geburtenrate und die Zahl der Storchenpaare in verschiedenen europäischen Regionen verlaufen ähnlich, es besteht also eine Korrelation. Doch obwohl eine Korrelation zwischen der Zahl der Geburten und der Zahl der Storchenpaare besteht, gibt es keinen kausalen Zusammenhang. Tatsächlich ergibt sich die Korrelation zwischen Geburten und Storchpaaren daraus, dass in ländlichen Regionen mehr Störche nisten und tendenziell auch mehr Kinder pro Paar geboren werden.

Storchenpaar in Nest

Zurück zu Sonnenschutz – die Idee hinter der Kausalität zwischen dem Gebrauch von Sonnenschutz und einem damit einhergehenden Hautkrebsrisiko beruht auf ein paar Missverständnissen bzw. wurde der Gedankengang nicht ganz zu Ende gebracht. Sonnenschutzmittel schützen nicht vor Hautkrebs – zumindest nicht vollumfänglich, noch sind sie das einzig wirksame Mittel. Diese Einschränkung lässt viele schließlich zu der Annahme kommen, Sonnencreme schützt überhaupt nicht vor Hautkrebs. Tatsache ist jedoch, dass sich keiner von uns dermaßen gründlich eincremen kann, als dass die Haut überhaupt komplett vor Hautkrebs geschützt werden kann. Vor Sonnenbrand durchaus in zufriedenstellendem Maße, jedoch nicht zu 100% vor Hautkrebs. Das hat unter anderem folgende Gründe:

Wenig UV-Strahlung, große Wirkung

Schon niedrige Dosen an UV-Licht reichen aus, das Erbgut unserer Hautzellen zu schädigen und so verschiedene krebsbefördernde Mutationen auszulösen [2]. Manche Dermatologen formulieren es sogar so krass: „Sobald die Haut braun wird, sind auch schon Mutationen ausgelöst worden.“

Trügerische Sicherheit

Viele Nutzer wiegen sich nach Verwendung von Sonnenschutzprodukten in scheinbarer Sicherheit. Wer sich eincremt kann umso länger und intensiver Sonnenbaden, ohne Gedanken an das Hautkrebsrisiko zu verschwenden. Diese Annahme ist leider falsch und verleitet dazu die Gefahr der Sonne deutlich zu unterschätzen. Vor allem Sonnenanbeter unterliegen oft dieser Fehlannahme [3].

Falsche Anwendung von Sonnenschutzprodukten

Es ist bekannt, dass Sonnencreme häufig falsch angewendet wird. So tragen Nutzer meist viel zu wenig Produkt auf, der angegebene Lichtschutzfaktor wird in der Regel nicht erreicht [4]. Auch wird nur unzureichend oder kaum nachgecremt. Wenn dann noch die Bestrahlungszeiten in der Sonne – vor allem auch in der intensiven Mittagssonne – zu lang sind, fällt der Schutz insgesamt viel zu niedrig aus.

Hautkrebs ist eine Spätfolge

Menschen, die heute an Hautkrebs erkranken, tun dies nicht, weil sie kürzlich zu viel Sonne abbekommen haben. Stattdessen liegen die ursächlichen Ereignisse meist 20-30 Jahre zurück. Wenn wir also davon sprechen, dass innerhalb der letzten 10 Jahre das Hautkrebsrisiko trotz gleichzeitig ansteigender Verwendung von Sonnenschutzprodukten zugenommen hat, haben diese beiden Beobachtungen nichts miteinander zu tun. Tatsächlich führen Dermatologen und Experten den aktuell rasanten Anstieg der Hautkrebsfälle auf Spätfolgen UV-bedingter Hautschäden im Kindes- und Jugendalter zurück [5]. Auch berufs- oder freizeitbedingte [6, 7], langjährige Sonneneinstrahlung soll hier eher im Zusammenhang stehen, als der Gebrauch von Sonnenschutzprodukten.

Blickt man nun diese 20-30 Jahre zurück und schaut sich an, wie damals die Sonnenschutzprodukte formuliert wurden, so lässt sich feststellen, dass damals der Schutz gegenüber UVA-Strahlung insgesamt noch deutlich niedriger war oder auch gar nicht erst bestand. Bei Produkten, die wir heutzutage auf dem Markt finden, beträgt der UVA-Schutz mindestens ein Drittel des angegebenen Lichtschutzfaktors (hat eine Creme einen SPF von 30, so beträgt der Schutz gegenüber UVA-Strahlung also 10).

Frau vor gelber Wand

Fazit

Sonnenschutz ist nicht die Ursache für die aktuell beobachtete Steigerung der Hautkrebsfälle. Natürlich kann Hautkrebs prinzipiell auch durch andere endogene und exogene Faktoren ausgelöst werden, jedoch ist UV-Strahlung nach wie vor einer der stärksten Trigger [8, 9, 10 uvm.]. Das bedeutet, dass der Schutz vor UV-Strahlung auch immer irgendwo als Schutz vor Hautkrebs zu sehen ist, zumindest ist es eine wichtige Komponente. Den Einfluss von UV-Strahlung kann man übrigens über verschiedene Mechanismen minimieren:

  • Sonne und vor allem Mittagssonne meiden
  • UV-sichere Kleidung
  • Sonnenschutz

Dass Sonnenschutz das Hautkrebsrisiko erhöht, ist eine falsche Schlussfolgerung der Beobachtung aus Anstieg der Hautkrebsfälle und bei gleichzeitig vermehrter Verwendung von Sonnenschutzprodukten. Nicht das Sonnenschutzmittel ist hier ursächlich, sondern vor allem die falsche Anwendung, das scheinbare Sicherheitsgefühl und nicht zuletzt die zu lange und intensive Bestrahlung mit UV-Licht.

Literaturangaben

[1] Augustin et al., Epidemiology of skin cancer in the German population: impact of socioeconomic and geographic factors. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2018 Nov;32(11):1906-1913.

[2] Pfeifer et al., Mutations induced by ultraviolet light. Mutat Res. 2005 Apr 1;571(1-2):19-31.

[3] Autier et al., Sunscreen abuse for intentional sun exposure. Br J Dermatol. 2009 Nov;161 Suppl 3:40-5.

[4] Jovanovic et al., Conventional sunscreen application does not lead to sufficient body coverage. Int J Cosmet Sci. 2017 Oct;39(5):550-555.

[5] Armstron and Kricker, The epidemiology of UV induced skin cancer. J Photochem Photobiol B. 2001 Oct;63(1-3):8-18.

[6] Zink et al., Different outdoor professions have different risks – a cross‐sectional study comparing non‐melanoma skin cancer risk among farmers, gardeners and mountain guides. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2018 Oct;32(10):1695-1701.

[7] Moehrle et al., Outdoor sports and skin cancer. Clin Dermatol. 2008 Jan-Feb;26(1):12-5.

[8] D’Orazio et al., UV radiation and the skin. Int J Mol Sci. 2013 Jun 7;14(6):12222-48.

[9] Narayanan et al., Ultraviolet radiation and skin cancer. Int J Dermatol. 2010 Sep;49(9):978-86.

[10] Mancebo et al., Skin cancer: role of ultraviolet radiation in carcinogenesis. Rev Environ Health. 2014;29(3):265-73.

*PS: Pinterest und DIY Sonnencreme

Es gibt sogar eine wissenschaftliche Abhandlung über die Anzahl von Rezepten zur Herstellung von Sonnencremes in der heimischen Küche. Unter dem vielsagenden Titel „Pinterest Homemade Sunscreens: A Recipe for Sunburn.“ (DE: „Hausgemachte Sonnenschutzmittel a la Pinterst: Ein Rezept für Sonnenbrand.“) zeigt diese Untersuchung auf, in wievielen Pins postive Claims formuliert wurden. Die Autoren kritisieren dabei die Verbreitung von Informationen zur Herstellung unzureichend schützender Sonnenschutzprodukte:

Merten et al., Pinterest Homemade Sunscreens: A Recipe for Sunburn. Health Commun. 2019 May 21:1-6.

6 thoughts on “care | Erhöht die Verwendung von Sonnencremes das Hautkrebsrisiko?

  • Liebe Sarah,
    so ein toller Beitrag, der hoffentlich sehr viele Menschen erreicht und für Aufklärung sorgt! Kaum geht es Richtung Sommer liest man nur noch solche Texte, „Sonnencreme verursacht Hautkrebs“, „DIY Sonnenschutz“. Egal wo man hinschaut. Das PS finde ich echt gut :D!

    • Hallo liebe Sinah,

      danke Dir für deinen Kommentar! Hoffe auch, es bringt ein wenig Licht in die schier unzählige Masse dieser vielen Verschwörungspostings 🙌
      Haha, ja das PS war einfach zu gut. Das wollte ich nicht vorenthalten 😂

      Viele liebe Grüße,
      Sarah

  • Vor 20 bis 30 Jahren war man generell der Meinung, dass lediglich UVB-Strahlung überhaupt Hautkrebs verursachen kann. Solarien, die fast ausschließlich mit UVA-Strahlen arbeiteten, galten als unbedenklich. Das hat mir damals der Hautarzt bestätigt (ich ging fast 10 Jahre lang regelmäßig ins Solarium).

    In meiner Kindheit kannte ich praktisch nur LSF 8 und auch den nur im Urlaub. In unseren Breiten wurden Kinder nicht eingecremt – warum auch, wenn kein Meer da war? So kam es, dass ich selbst in der Karibik nur LSF 16 verwendet habe… Das war 1997.

    Inzwischen ist man wesentlich weiter, was das Wissen um Sonne und Sonnenschutz betrifft. Ich hatte übrigens auch schon veränderte Muttermale, die raus mussten. Allerdings habe ich auch ganz extrem viele, bin schon mit einigen geboren worden. Woran es lag? Mein Hautarzt (eine hier sehr bekannte Gemeinschaftspraxis) hat mal gemeint, die Entstehung von Hautkrebs ist nicht sicher geklärt. Man vermutet, dass die Sonne eine Rolle spielt. Aber: die meisten bösartigen Hauttumore treten an Stellen auf, die praktisch nie der Sonne ausgesetzt sind!

    Danke für den Artikel und liebe Grüße!
    Andrea

    • Hallo liebe Andrea,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung und Deine Gedanken zu dem Thema.
      Stimmt, das Argument Solarien würden keine schädigende Strahlung abgeben und wären daher halbwegs sicher, hat sich echt lange gehalten. Und ob Du es glaubst oder nicht, ich höre das heutzutage sogar noch immer von machen, die der Röhrensonne fröhnen. In meinen Augen immer total verrückt, wie man sowas machen kann, aber da lebe ich vermutlich auch einfach voll in meiner eigenen Bubble 😀

      Dass Hautkrebs nicht nur durch Sonne verursacht wird, ist ein wichtiger Punkt, den Du da ansprichst! Es gibt weitaus mehr Faktoen, die wir bis heute noch gar nicht alle verstanden haben. Ist ja mit vielen anderen Krebsarten auch so… die Mechanismen, die dahinterstecken sind weitaus komplexer, als dass man lediglich UV-Strahlung dafür verantwortlich machen könnte.

      Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, einen Kommentar dazulassen und diesen wichtigen Input zu liefern!!
      Hab einen schönen Tag, viele liebe Grüße,
      Sarah

  • Danke für den tollen Beitrag, hoffentlich lesen ihn ein paar der Leute, die solche Behauptungen aufstellen oder ihnen Glauben schenken.
    Liebe Grüße, Elisabeth 🙂

    • Hallo liebe Elisabeth,

      freut mich, dass Dir der Artikel gefallen hat! Und ja: Dein Wort in Gottes Ohr 😉 Wäre toll, wenn nicht immer diese Panikmachenden Stimmen so viel lauter wären, als die, die den Sachverhalt halbwegs sachlich darstellen.

      Viele liebe Grüße,
      Sarah

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